Karate – Konzentration, Präzision, Kraft

Karate ist eine Kampfkunst aus Japan. Das Training teilt sich in drei Teile auf: Kihon, die Grundschule, Kumite, der Zweikampf, und Kata, der Kampf gegen imaginäre, nur vorgestellte Gegner.

Weisse Gewänder, nackte Füsse, farbige Gürtel. Die Karatekas warten vor dem Dojo darauf, dass der Trainingsraum frei wird. Die Stimmung ist locker und herzlich. Man kennt sich. Zu Beginn stellen sich alle in einer Reihe auf. «Seiza!» Der Trainer fordert uns auf, zur Begrüssung in den Fersensitz zu gehen und «mokuso!», die Augen zu schliessen. Nun soll der Geist geleert werden vom Alltagsstress, der Kopf auf die Karatelektion vorbereitet. Theoretisch. Ich versuche es. In der Luft liegen die verschiedenen Parfums meiner Kolleginnen und Kollegen. Neben uns rauscht Wasser durch die Röhren des alten Fabrikgebäudes, in dem sich das Dojo befindet. Wie ein Bächlein. Fast gelingt es mir, abzuschalten. Dann höre ich ein vertrautes Tap-Tap-Tap. Seilspringen im Dojo unter uns. «Mokuso yame!» Die Muse hat ein Ende.

Von der Selbstverteidigung zu Olympia

Wir begrüssen den Trainer. Dazu verbeugen wir uns aus dem Fersensitz. Es sieht so ähnlich aus, wie Muslime beim Gebet. Hinter dem Trainer hängt das Bild vom Gründer des «Shotokan»-Karatestils, Gichin Funakoshi. Der 1868 geborene Kämpfer aus Okinawa beeindruckte bereits in jungen Jahren die Verwaltungsbeamten mit seinem Können. Hauptberuflich als Lehrer tätig, schaffte er es, dass das ursprünglich auf Selbstverteidigung ausgerichtete Kampfssystem «Te» (Hand) zum Schulsport wurde. Man versprach sich dadurch eine bessere Konzentration der Schülerinnen und Schüler. Funakoshi zog nach Japan und führte dort das japanische Zeichen «kara» (leer) ein. Erfolgreich setzte er sich für sein Ziel ein, Karate zu verbreiten. Heute ist Karate weltweit bekannt und wurde 2016 ins olympische Programm aufgenommen.

Kihon – die Grundschule

Karate teilt sich üblicherweise in die drei Trainingsblöcke «Kihon», «Kumite» und «Kata». Wir beginnen mit «Kihon», der Grundschule. Der Ablauf aller Angriffe und Verteidigungen wird bis zur Perfektion geübt. Der Trainer kündet jeweils an, welcher Angriff, welche Verteidigung jetzt ansteht. Die Sache hat allerdings einen Haken, denn die Ankündigung erfolgt auf Japanisch. «Zenkutsu-Dachi, Gedan-Barai!» – schulterbreite Schrittstellung, Abwehrschlag mit dem Arm nach unten. Wir üben sternförmig. Zuerst nach links, dann nach rechts, nach vorne, nach hinten und wieder zurück. Obwohl ich mich auf nicht viel mehr als vier Quadratmetern bewege, komme ich schnell ins Schwitzen. Kurze Trinkpause. Jetzt sind die Fusstritte dran. Der Trainer runzelt die Stirn. Oh, oh. «Wie oft habe ich euch schon gesagt, dass ihr das Bein nicht einfach fallen lassen dürft», donnert er los. Wir üben, das Bein nach dem Schlag wieder zurückzuziehen, bevor wir es absetzen. Zuerst alleine, dann zu zweit.

Kumite – der Zweikampf

Kumite nennt man den Kampf mit einem Partner. Dieses Training wurde im Karate vergleichsweise spät eingeführt. Es begründete auf dem Wunsch von Funakoshis Schülern, sich mit einem Gegner zu messen. Nebst dem Freikampf gibt es das Kihon-Ippon-Kumite, der Ein-Schritt-Kampf. Hier sagt der Gegner seinen Angriff an. Mein Sparringpartner ist ein Kasten. Gross, muskulös, tätowierte Unterarme, schwarzer Gurt. «Das Bein zurückziehen, ist vor allem für die Wettkämpfe», erklärt er mir. «Es gibt Kampfstile, da ziehst du durch. Aber wenn du durchziehst, ist dein Gegner hinüber.» Ich hoffe, dass er bei der Übung nicht durchzieht. Das Schlagkissen als Schutz vor mir, mache ich mich beim ersten Tritt auf alles gefasst. Der Schlag kommt erstaunlich milde. Wenig später bittet der Trainer meinen Sparringpartner nach vorne, um etwas zu zeigen. Diesmal kommt der Tritt mit voller Wucht. Mir wird klar, dass ich nicht einfach Glück hatte. Mein Partner hat seine Kraft bewusst dosiert und mir angepasst. Der Trainer führt nun vor, weshalb man das Bein zurückziehen muss. Stellt man es nach dem Tritt einfach ab, ist man zu weit vorne. Zu nah am Gegner. Dieser muss nur die Faust hinhalten und – kaboing. Karate ist nicht auf den Nahkampf spezialisiert. Die klassischen Techniken gehen von einer Mitteldistanz aus, also ungefähr einer Beinlänge Abstand. Wir üben jetzt Doppelschläge: Ein Bein tritt und das andere tritt gleich danach, ohne vorher abzustehen. Es sieht beeindruckend und einfach aus. Ich versuche es, kämpfe gegen die Schwerkraft. Der Trainer schaut skeptisch. «Das wird schon noch», ermutigt er mich.

Katas – Kampf gegen einen imaginären Gegner

Das Training schliesst mit den Katas. Katas bilden die Basis des traditionellen Karates und stellen den Kampf gegen einen oder mehrere imaginäre Gegner nach. Eine schnelle Abfolge verschiedener Angriffs- und Verteidigungstechniken. Richtungswechsel weisen darauf hin, dass der Kampf gegen mehrere Gegner geführt wird. Für den Karate-Ka ist es wichtig, vor dem Richtungswechsel den Blick auf den imaginären Störenfried zu richten. Dann geht es Schlag auf Schlag und endet mit dem traditionellen Kampfschrei. Nach den Katas endet auch der Karatekurs. Erschöpft, aber zufrieden, stellen wir uns wieder in eine Reihe und verabschieden uns.